Univ. Doz. Dr. Harry Merl, Systemische Familientherapie

Logik der Interventionen

2016. 2. überarbeitete Auflage. 404 Seiten, 6 Abbildungen. Softcover. heugl solution press.

€ 39,90 (A) I € 39,90 (D) I ca. sFr 53,90 (CH). ISBN 978-3-902971-03-6

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Harry Merl, Systemische Familientherapie

Harry Merl, Systemische Familientherapie

Das Buch ist ein Meilenstein familientherapeutischer Theorieentwicklung im deutschsprachigen Raum.
Harry Merls „Systemische Familientherapie“ gleicht einer Schatzkiste psychotherapeutischer Erkenntnis und familientherapeutischen Praxiswissens, die vieles, was heute als „state of the art“ systemischen Denkens und Handelns gilt, vorwegnimmt und in den Jahren seit der Erstveröffentlichung des Textes nichts an Aktualität verloren hat.

Zahlreiche Praxisbeispiele veranschaulichen die Theorie der Intervention.

Harry Merls „Systemische Familientherapie“ ist ein Weg-weisender Text, in dem viele Schlüsselkonzepte angedacht und formuliert werden.
Harry Merl gilt heutigen SystemikerInnen vor allem als Pionier des „Ökosystemischen Therapieansatzes“. Harry Merls Denken und Arbeiten verknüpft eine ökosystemische Denk- und Handlungspraxis mit einem lösungsorientiertem Therapieansatz, mit Elementen narrativer wie neurolinguistischer Therapie und anderen Vorgehensweisen.

Harry Merls Buch bietet uns mit seinem Therapieansatz das Potential und den Zugang zur Gesundheit.

Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis:

Was ist Familientherapie – Die Phänomenologie des Feldes oder „Man as Mapmaker“ – Vernetzung und System – Teile, Ganzes, Emergenz – Das System „Familie“, ein natürliches soziales Humansystem – Autopoiese – Das Vorkommen von Erstmaligkeit – Das Individuum, Schöpfer des Systems „Familie“ – Loyalität – Der Anlass zur Familientherapie, die Störung der Autopoiese – Der Anteil des Therapeuten – Versuch einer Theorie der Intervention – Die Praxis der Intervention – …..

Auszug aus dem Vorwort von Dr. Konrad Peter Grossmann:

Der vorliegende Buch – ein Meilenstein familientherapeutischer Theorieentwicklung im deutschsprachigen Raum – ist die Neuveröffentlichung von Harry Merls 1986 an der medizinischen Fakultät der Universität Wien eingereichter Habilitationsschrift. Er erschien 1987 in der Schriftenreihe des Katholischen Familienverbandes „Brennpunkt Familie, 36/37“ unter dem Buchtitel „Familientherapie. Grundlagen und Versuch einer Theorie der Intervention“

Harry Merl, geboren 1934 in Wien, absolvierte eine Ausbildung als Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Über viele Jahre hinweg leitete er das Institut für Psychotherapie der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz. Er lehrte als Universitätsdozent für Psychotherapie an den Universitäten Salzburg, Graz, Wien und Linz. Ursprünglich Gruppentherapeut und Psychoanalytiker/Lehranalytiker, wendete er sich ab 1969 der systemischen Familientherapie zu und ist einer der Pioniere dieses Therapieansatzes in Österreich. Mehrere Jahre leitete er fachspezifische Ausbildungen im Rahmen der Lehranstalt für systemische Familientherapie (lasf Wien) und lehrte in anderen therapeutischen Ausbildungsinstituten. Bis heute ist als Lehrtherapeut, als Therapeut in freier Praxis, als Supervisor und Referent im Kontext der Fort- und Weiterbildung von PsychotherapeutInnen und verwandten Berufsgruppen tätig. In Anerkennung seiner beruflichen Tätigkeit wurde ihm 1997 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen.

Ein Schlüsselbegriff des Textes ist jener der „Erstmaligkeit“ – des Einführens „neuartiger Information“ im Kontext zwischenmenschlicher bzw. therapeutischer Begegnungen. Mit Harry Merl verbinden sich in meinem Leben drei dieser Erstmaligkeiten: Ich lernte ihn als Jugendlicher in einem privaten Kontext kennen, und diese Begegnung legte den Grundstein zu meiner Berufsentscheidung. Mich beeindruckten sein Humor, sein Spielen mit Sprache, sein tiefes Interesse für Menschen, seine Offenheit sowie – last but not least – seine Liebe zum Jazz. Ich wusste, dass er Familientherapeut war, ohne mit diesem Begriff Näheres zu verbinden; aber – so mein Gedanke damals – es musste eine spannende Profession sein, wenn sie solche Persönlichkeiten hervorbrachte. Die zweite Erstmaligkeit ergab sich Jahre später, als ich ihm im Lauf meiner familientherapeutischen Ausbildung wieder begegnete und Gelegenheit hatte, ihm im Rahmen eines Praktikums bei seiner Arbeit in der Therapieambulanz zuzusehen. Bis heute sind mir die hier miterlebten Therapiegespräche in ihrer Wertschätzung für Familien und einzelne KlientInnen, in ihrer hohen Ressourcenorientierung und in der Kleinräumigkeit des interventiven Vorgehen in Erinnerung. Sie waren hohe therapeutische Kunst. Die dritte Erstmaligkeit stand mit dem Beginn meiner Lehrtätigkeit an der Lehranstalt für systemische Familientherapie in Wien in Verbindung. Harry Merl hatte in seinen Jahren als Ausbildungsleiter die Philosophie und die Grundhaltungen dieses Ausbildungsinstituts tief geprägt (und diese Prägung wirkt bis heute fort). Damals las ich seinen hier vorgelegten Text zum ersten Mal; und das nunmehrige erneute Lesen bestätigt die damalige Erfahrung: Merls „Versuch der Theorie der Intervention in der Familientherapie“ gleicht einer Schatzkiste psychotherapeutischer Erkenntnis und familientherapeutischen Praxiswissens, die vieles, was heute als „state of the art“ systemischen Denkens und Handelns gilt, vorwegnimmt und in den Jahren seit der Erstveröffentlichung des Textes nichts an Aktualität verloren hat.

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In seinem Text unternimmt Merl eine weite Reise, welche die Beantwortung dieser Fragestellung zum Gegenstand hat: Er kreiert ein komplexes Verständnis sozialer wie individueller Systeme, er entwirft ein Bild ihrer relationalen Struktur, und – und das halte ich für das Herzstück seines Textes – er beschreibt, welche Bedingungen therapeutische Interventionen erfüllen müssen, um für von Leidenszuständen betroffene Familie wie Individuen anschlussfähig und hilfreich zu sein.

Merl unternimmt diese Reise in zehn Schritten: In einem ersten skizziert er gegebene familientherapeutische Modellbildungen. Im zweiten Schritt werden in Form einer „Phänomenologie des Feldes“ die für ein Verständnis von Familien bzw. Therapiesystemen notwendige Grundbegriffe skizziert. Im dritten Reiseabschnitt begründet er die Bedeutung systemtheoretischer Begrifflichkeiten, die im vierten und fünften Schritt auf Familiensysteme übertragen werden. Im sechsten und siebten Reiseabschnitt untersucht er die Besonderheit von Familiensystemen und beschreibt, wie Leidenszustände in Familien zustande kommen. Im achten Schritt fokussiert er auf die (familien-)therapeutische Interaktion und formuliert Gründzuge eines „Metamodells des (Familien-)Therapiesystems“. Diese Modellierung wird in den beiden letzten Abschnitten in einer Theorie der Intervention verdichtet und durch Praxisbeispiele veranschaulicht.

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In der Beschreibung dieses Austauschprozesses nimmt Merl Bezug auf Kantor u. Lehr (1975, S. 39): „Durch die Übermittlung (transmission) von Materie und Information via Energie in Raum und Zeit regulieren die Familienmitglieder füreinander den Zugang zu den Grundzielen (targets)“ – zu „Liebe“, Macht“ (Selbstwirksamkeit) und „Sinn“. Einzelne Familienmitglieder nehmen an diesem Austausch vor dem Hintergrund ihres persönlichen „Inneren Modells“ der Welt (S. 206) bzw. ihres je eigenen epistemologischen Standorts teil – eine Setzung, die Merl später in den Begriffen des „Persönlichen Referenzmodells“ (PRM) bzw. des „Ich-Hauses“ (2006) verdichtet. Dieses „Innere Modell“ erwerben Menschen mit ihrem Eintreten in die Welt im Umgang mit eben dieser, es prägt ihre Selbst- wie Umweltbeziehungen, es schafft die „persönliche Geschichte“ und erzählt sie in der Sprache des Systems, in dem es sich entwickelt hat.

„Austausch“ und „Ökologie“ sind die zentralen Begriffen in Merls Erklärung und Verständnis familiärer wie individueller Leidenszustände: Eine Störungsdynamik entsteht im Kontext von ökologische Defiziten, also im Kontext misslingender oder unzureichender ökologischer Bedarfsdeckung ihrer Mitglieder. Sie entstehen im Kontext eines „ökologischen Engpasses“, wenn „abträgliche Informationen/Kommunikationen die nährenden oder zuträglichen Informationen überwiegen oder wenn dieser Austausch durch „abträgliche“ oder auch „toxische“ Informationen geprägt ist.

„Austausch“ und „Ökologie“ sind zugleich Schlüsselbegriffe im Kontext von Merls Sicht des Therapiesystems. Sein Verständnis der therapeutischen Interaktion basiert auf einer konstruktivistischen Prämisse: Familien bzw. KlientInnen verhalten sich ihrer Umwelt (und damit auch TherapeutInnen) gegenüber in ihrer je eigenen und ihnen gemäßen autonomen Art und Weise. Sie sind strukturdeterminierte und operational geschlossene Systeme. Dieser ihrer Geschlossenheit steht ihre Möglichkeit der strukturellen Koppelung mit anderen Systemen (etwa TherapeutInnen) gegenüber: Als interagierende Systeme bauen sie durch (reziproke) Koppelung mit anderen lebenden Systemen Bereiche von Konsens auf. Der rekursive Charakter ihres Austausches – ihrer Kommunikation – führt zu einem gemeinsamen „strukturellen Driften“ („Ko-Ontogenese“) (Maturana, 1982).

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Was macht therapeutisches Intervenieren anschlussfähig? Was macht es zuträglich und hilfreich? Es ist das – so Merl – seitens einer Familie/eines Klienten/einer Klientin erlebte „ökologische Defizit“, das sie für „therapeutische Ökologieangebote“ öffnet. Aber nicht für jedes Angebot: Hilfreiches Intervenieren muss „Erstmaligkeit“, muss als Information einen systembezogenen Neuigkeitsfaktor bergen. Hier unterscheidet Merl zwischen „ersten“ und weiteren Erstmaligkeiten. Eine erste „Erstmaligkeit“ ergibt sich für Familien wie KlientInnen, wenn ein Therapeut/ eine Therapeutin ihnen in einer Weise begegnet, die durch Empathie, Respekt und Wahrung ihrer Autonomie, durch Wertschätzung und Hoffnung, durch Kooperation und Anerkennung, durch die Zuschreibung von Selbstwirksamkeit und Kompetenz geprägt ist. Sie realisiert sich im Kontext hoher therapeutischer Präsenz bzw. im Kontext dessen, was der Autor Jahre später als „zentrale therapeutische Grundbotschaften“ beschreiben wird (2006). Auf diese „ersten Erstmaligkeiten“ können weitere Erstmaligkeiten aufsetzen (und diese Erstmaligkeiten werden von Familien/ KlientInnen umso mehr aufgegriffen und integriert, je höher ihr ökologisches Defizit ist), falls dies die organisatorische Geschlossenheit einer Familie nicht überfordert und falls dies eine Optimierung ihrer Ökologie in Aussicht stellt.

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Merls „Systemische Familientherapie“ ist ein Weg-weisender Text, in dem viele Schlüsselkonzepte angedacht und formuliert werden, die der Autor in späteren Publikationen weitergedacht hat (1998, 2002): Das zeigt sich etwa am Konzept der „Ressourcenorientierung“ (S. 218) ebenso wie an jenem der „Futurität“: Der Bezug auf Zukunft wird in Merls späteren Arbeiten unter anderem als „Traum vom Gelungen Selbst“ ausdifferenziert und erhält eine immer zentralere Bedeutung in seinem Denken und seiner Praxeologie. Eine Möglichkeit der Utilisation dieser Futurität zeigt sich in jener Interventionsmethode, die Merl weit über Österreich hinaus bekannt gemacht hat: im „Gesundheitsbild“ – einer bio-psycho-soziale Ziel- oder Gesundheitsvision, welche die Vorstellung einer guten Zukunft für KlientInnen detailliert und multimodal für sie abrufbar und damit assoziierte Ressourcen wie mögliche Hindernisse von Zielrealisierung oder Heilung verfügbar macht.

Merls im Text dargelegte Grundüberzeugungen – der Glaube an die Resilienz und Potenzialität von Individuen wie Familien, der Glaube an ihre Fähigkeit zur (Selbst-)Heilung – stellen ihn in den Bezug zu jenen PsychotherapeutInnen, deren Denken und Handeln in seinen Therapieansatz eingeflossen sind: zu Milton Erickson, Carl Rogers, Virginia Satir und anderen. Harry Merl gilt heutigen SystemikerInnen vor allem als Pionier des „Ökosystemischen Therapieansatzes“. Aber Merls Bedeutung geht– und dies kündigt sich im vorliegenden Text an – weit über jene eines „Schulengründers“ in der Familientherapie hinaus: In seinem späteren Denken und Arbeiten verknüpft er eine ökosystemische Denk- und Handlungspraxis mit einem lösungsorientiertem Therapieansatz, mit Elementen narrativer wie neurolinguistischer Therapie und anderen Vorgehensweisen. Merls Text nimmt vorweg, was sich als Credo unter der Überschrift in seiner als „Harrys Welt“ benannten Homepage findet: „Es gehört zu meinen Überzeugungen, dass jeder Mensch einen Traum hat: Den Traum vom Gelingen seines Lebens… (.) Wenn man den Traum anspricht, der als Kern den „Traum vom gelungenen Selbst“ hat, und es in der richtigen Weise tut, dann entfalten sich Menschen zu ihrer wahren Größe und Schönheit. Eigentlich erwarten sie Gutes, damit es geschieht. Gute Worte, Gute Taten. Das ist angelegt. Das ist der Zugang zu Gesundheit und Heilung“.

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